Walimex 500/6.3 – exotisches Spiegelobjektiv mit großer Brennweite

Die Themen Spiegelobjektiv und ernsthafte Fotografie sind oftmals Widersprüche, die selten in einem Satz genannt werden. Ihren ursprünglichen Anwendungszweck haben Spiegelobjektive in astronomischen Geräten (Spiegelteleskope) und fristen in der Fotografie jedoch ein absolutes Nischendasein; bis auf wenige alte Modelle von Minolta (jetzt Sony), Sigma und Tamron, wird dieser Bereich nahezu ausschließlich von Billiganbietern aus Fernost bedient. Doch gerade diesen Chinaböllern haftet ein zumeist zweifelhafter Ruf an, der mich jedoch nicht abschreckte, ein solches Objektiv zu testen.

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Größenvergleich: Walimex 500/6.3 an recht großer Canon EOS 30

Das Walimex Pro 500/6.3 DX Spiegel T2 (*) ist gut verarbeitet und bringt knapp 800gr auf die Waage. Der erste Eindruck ist wertig, können allerdings auch die optischen Qualitäten überzeugen?

*) Baugleiche Objektive werden unter verschiedenen Namen vermarktet. Neben Walimex gibt es identische Objektive von Opteka, Vivitar, Samyang, Rokinon, Pro-Optic, Bower etc. Der einzige Unterschied liegt in der Messingplakette, die jeweils einen anderen „Markennamen“ trägt. Aus wessen Schmiede das Objektiv letztendlich stammt, kann ich nicht sagen.

Die Verwendung von Spiegelobjektiven ist meist zweifelhafter Natur. In Foren findet man allerhand Kontrapunkte, die einem jegliche Vorfreude auf diesen exotischen Objektivtyp nehmen können. Dazu zählen: schlechte Bildqualität, hohe Unschärfe, feste Blende, geringe Lichtstärke, fehlender Autofokus, fehlender Bildstabilisator, mangelhafte Verarbeitungsqualität, Adaptierung nötig, da nur T2-Gewinde vorhanden ist. Im Angesicht der Liste mit Nachteilen, die man nicht an einem Objektiv antreffen möchte, wirken die Vorzüge nahezu lachhaft. Jedoch finden sich dort Punkte, die Spiegelobjektive so interessant machen und dadurch von Linsenobjektiven positiv abheben: hohe Brennweite, donutförmiges Bokeh, wenig chromatische Aberrationen, günstiger Preis.

Bei einer solchen Pro/Contra-Abwägung überlegt man sich: wieso ein Objektiv anschaffen, dem ein derart schlechter Ruf nacheilt und umständlich zu bedienen ist? Kann ein günstiger Preis eine mieserable Bildqualität ausgleichen? Rechtfertigt eine hohe Brennweite einen fehlenden Autofokus? Braucht man ein donutförmiges Bokeh?

Jede Frage für sich ließe sich leicht mit Nein beantworten, jedoch ist es die Gesamtheit der Dinge, die Spiegelobjektive (auch Billigheimer aus Fernost)  dennoch interessant macht.

Bei Supertelebrennweiten, die Spiegelobjektive bieten, mag man als erstes an Sport- und Tierfotografie denken. Zwar hat man 500mm, 800mm – oder mit Telekonverter das Doppelte – an Brennweite, jedoch helfen einem diese enormen Zahlen in der Tier- und Sportfotografie herzlich wenig, wenn sich die Angaben auf ein Spiegelobjektiv (und nicht auf ein sündhaftteures Linsenobjektiv namhafter Hersteller) beziehen. Eine fixe Blende von – im besten Falle – f/6.3 bei 500mm oder gar f/8 an den 800mm Modellen, lässt so wenig Licht auf den Sensor fallen, dass man entweder nur bei Sonnenschein fotografieren kann oder mit extrem hohen ISO-Werten arbeiten muss.

Ein rauschfreies Bild bei ISO 6400, oder höher, setzt eine dementsprechend leistungsstarke und fähige Kamera voraus. Zudem besitzen solche Objektive (bis auf das Minolta AF 8/500mm) keinen Autofokus, wodurch das Fotografieren von bewegten, schnellen Objekten einem Glücksspiel gleicht. Hier spielt auch der fehlende Bildstabilisator eine Rolle: Freihand lässt sich mit Supertelebrennweiten kaum mehr fotografieren. Mit etwas Übung und Atem-/Pulskontrolle lassen sich die Ergebnisse zwar etwas verbessern, jedoch empfiehlt sich mindestens ein Einbeinstativ, idealerweise ein Dreibein. Ein Funk- oder Kabelauslöser erleichtert die Aufgabe abermals.

Testschüsse mit dem Walimex 500/6.3 Spiegelobjektiv

Der Sonnenschein kam den Testschüssen zu Gute und so ließ sich der ISO-Wert im dreistelligen Bereich halten. Bis auf walimex500-6.3_01.jpg wurden alle Bilder mit dem Stativ gemacht oder die Kamera zumindest auf einer festen Fläche aufgelegt. Ein ruhiger Untergrund bzw. ein Stativ erleichtert das Fokussieren um ein Vielfaches. So geschossene Bilder lassen sich bis circa 1920 x 1280 nutzen. In höheren Auflösungen, sowie in der 100% Ansicht sind deutliche Unschörfen zu erkennen, wie die 100%-Crops zeigen.

Die Liste der Eigenarten von Spiegelobjektiven ist lang, ihr Anwendungszweck eher unspezifisch und schwammig. Spiegelobjektive (à la Walimex, Opteka, Vivitar, Samyang, Rokinon, Pro-Optic, Bower etc.) mögen im Allgemeinen als Spielzeuge gelten, jedoch steckt in ihnen einiges an Potential, das man ihnen allerdings mit dem richtigen Umgang entlocken muss.

Und hierbei liegt m.E. der Hauptanwendungszweck eines solchen Objektivs: das experimentelle Fotografieren. Schon allein das Bokeh ist einzigartig und in dieser Form nicht in der Welt der Linsenobjektive zu finden. Richtig eingesetzt, können die Kringel ein beeindruckendes Stilelement sein, das den Bildern einen ganz eigenen Hauch verleiht. Zudem ist die Brennweite ebenfalls ein Faktor, der nicht zu vernachlässigen ist. Allerdings braucht man keine knackscharfen Bilder erwarten. Zwar kann man auf Fenster fokussieren, die in 5km Entfernung liegen. Jedoch zeigt die 100% Ansicht am Monitor, dass man im besten Falle nur erahnen kann, dass es sich hierbei um ein Fenster handelt. Wer auf Schärfe keinen großen Wert legt und gern experimentel unterwegs ist – oder mit schwammigen Paparazziaufnahmen zufrieden ist – wird seinen Spaß an diesen Objektiven finden.

Der Neupreis von 150-250Eur, der für die meisten dieser Modelle veranschlagt ist, mag zwar günstig erscheinen. Jedoch muss man sich bewusst sein, dass Spiegelobjektive dieses Segments ihre Eigenarten besitzen und nicht unbedingt durch ihre qualitativen Eigenschaften glänzen. Ein solches Objektiv ist nicht mit Linsenobjektiven vergleichbar und definitiv kein Ersatz für solche. Nichtdestotrotz sollte jeder, der sich mit Fotografie und dazugehöriger Technik beschäftigt, die Erfahrung mit einem Spiegelobjektiv machen und ein solches in seiner Sammlung besitzen.

Ein Spiegelteleskop – was ein Spiegelobjektiv im Grunde ist –  an der DSLR hat nämlich schon etwas verdammt cooles! 😉 Zudem bietet sich an, mit einem solchen Objektiv „Outside the box“ zu denken. Nämlich es nicht als adäquaten Ersatz für ein Linsenobjektiv zu sehen, sondern andere Gefilde der Fotografie zu erkunden und sich beim Thema Spiegelobjektiv „back to the roots“ zu bewegen, nämlich zur Astrofotografie, bzw. Beobachtung.

Diashow: Brennweiten von 17mm bis 500mm im Vergleich

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Nachtrag: Nein, das ist kein sponsored Post, noch habe ich das Objektiv kostenlos zum Testen bekommen. Daher unterliegt der Artikel auch nicht der Kennzeichnungspflicht von Werbeartikeln („sponsored Post“). Das Objektiv habe ich günstig bei Ebay geschossen, nachdem ich in der Vorwoche bei einem identischen Modell in der letzten Sekunde um exakt einen Euro überboten wurde. Ich bitte daher, von nicht erwünschten Aufklärungen zum Thema „sponsored Posts“ abzusehen. Danke.

Nachtrag II (22.11.16): Laut Recherchen ist Walimex eine Eigenmarke des deutschen Fotohändlers „Walser“. Ich versuche dahingehend schon seit drei Wochen Walser via Email zu erreichen, um weitere Informationen zu dem Produkt zu erfahren. Meine Emails spickte ich mit vielen Fragen, die leider hartnäckig unbeantwortet blieben.

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1 Antwort

  1. 14. November 2016

    […] mich war dies eine astreine Gelegenheit, das kürzlich vorgestellte Walimex 500mm f/6.3 Spiegelteleobjektiv im praktischen Einsatz zu testen und einen direkten […]

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