The hermit’s guide to urban exploring

Wer kennt sie nicht, die Faszination, die von alten, leerstehenden Gemäuern ausgeht, gepaart mit der Lust, diese ausgiebig zu erkunden und fotografisch in Szene zu setzen?

Damit einher gehen zwei Begriffe, die mittlerweile scheinbar schon in die Populärkultur eingegangen sind: Lost Places (verwaiste Orte) und Urban Exploring (Urbex, das Erkunden solcher Orte). Begriffe, die eben jene Neugier in Worte fassen und eine ganze Gemeinschaft prägen, die sich dem Erkunden alter, verwaister Orte verschrieben hat.

Abgerockt: Hier lagern schon lang keine Atomsprengköpfe mehr..

Die Gemeinschaft der Urban Explorer, Lostplacer oder Urbexer ist eine eingeschworene Gemeinde mit fast konspirativ anmutenden Strukturen, die Außenstehenden ein elitäres Maß an Arroganz entgegenbringen zu scheinen. Man bleibt unter sich, ist Fremden gegenüber skeptisch bis verhalten eingestellt. Als Außenstehender oder gar Neuling Kontakte in die Szene zu knüpfen, gleicht meist einem rituellen Akt, in dem es darum geht, zu beweisen, dass man des inneren Zirkels würdig ist, in der Hoffnung endlich mit den Gurus der Szene auf Tour gehen zu dürfen.

Urbexer folgen ihrem Kodex

Dieser Prozess geschieht über Referenzen und Vitamin B. Denn Beziehungen sind alles. Hat man keine Kontakte, wird es schwer, Referenzen aufzubauen, die überzeugend Genug sind, damit man als Gleichgesinnter akzeptiert wird.

Referenzen sind in dem Falle idealerweise Locations, die auch dem erfahrensten Urbexer noch ein Lidzucken entlocken. Je abgefahrener eine Location, desto höher ist das Ansehen der Besucher. Das können Hotels und Villen sein, in die sich seit 50 Jahren kein Mensch mehr verirrte, oder unterirdische Weltkriegsbunker, die seit Kriegsende versiegelt waren. Mit abgewrackten Lagerhallen und Industriebauten, in denen die lokale Saufbruderschaft ihren Suff ausschläft, osteuropäische Edelmetallhändler ihre Waren beziehen und Sprayerkids ihre Tags an die Wände schmieren, lockt man heutzutage niemanden mehr aus seiner Deckung. Solche Locations gelten als abgerockt und begeistern aus der Sicht manch eines erfahrenen Urbexers höchstens noch „Hartz4-Aufstocker, die sich durch das Ablichten von arbeitslosen Hausfrauen Hobbymodellen in „abgefahrenen Locations“ einen gewissen Ruf in der Peoplefotografie erarbeiten wollen„.

Den Grund für die Zerstörung von Locations sehen eingeschworene Urbexer meist in Möchtegern-Nachahmern, die zu leichtsinnig mit wohlgehüteten Ortsangaben umgehen. Locations sind die inoffiziellen Orden der Szene. Diese zu besuchen wird einer Ehre gleichgesetzt, sofern man denn das Glück hatte, mit auf Tour gehen zu dürfen – Beziehungen oder ein entsprechend etablierter Status vorausgesetzt. Die Quintessenz eines gordischen Knotens, der für jeden interessierten Neueinsteiger meist eine unüberwindbare Hürde darstellt und vor eine essentielle Frage stellt:

wie findet man Anschluss?

Die einfachste Methode, sich in entsprechenden Foren umherzutreiben und mitzulesen, führt seltenst zum gewünschten Erfolg. Zwar findet man viele Bilder, doch wird niemand auch nur einen Anhaltspunkt zum Ort verraten. Die Urbexgemeinschaft denkt binär: Man kennt es, oder man kennt es nicht. Was dazwischen gibt es nicht. Einsteiger einzuweihen ist verpönt, denn Einsteiger sind Fremde und Fremde sind grundsätzlich nicht vertrauenswürdig.

Der größte Fehler, den man als Greenhorn nun machen kann, nämlich nach Informationen zum Ort zu fragen, wird meist mit einem zynischen Kommentar gekontert, im schlimmsten Falle bedeutet er den Ausschluss aus dem entsprechenden Forum und dem daraus resultierenden erneuten Versuch, anderswo Fuß zu fassen und Informationen zu bekommen.

Durch das Internet sind Informationen heutzutage glücklicherweise omnipräsent. Gezielte Abfragen in Google führen vielfach zu weitaus besseren Ergebnissen, als das direkte Nachfragen in Foren und Gruppen und man kann drauf verzichten, Leute zu bemühen, die grundsätzlich eh nicht bereit sind, einem bei diesem Anliegen weiterzuhelfen.

Doch auch hier darf man nicht mit all zu hoher Qualität der Ergebnisse rechnen und muss sich oftmals zwangsläufig mit den Eingangs erwähnten, verranzten Fabrikhallen und Industrieruinen zufrieden geben. Koordinaten zu Weltkriegsbunkern, Stollen oder leerstehenden Herrenhäusern findet man äußerst selten und werden auch im öffentlichen Netz äußerst konspirativ gehütet und so gut wie gar nicht auf zugänglichen Seiten veröffentlicht.

Weiterkommen als Einzelkämpfer: die Umwelt mit offenen Augen erleben

Wohl dem, wer mit offenen Augen durch den Alltag schreitet und seine Umwelt bewusst wahrnimmt. Besonders als Einzelkämpfer ohne Anschluss an die Szene, erreicht man mit eigener Recherche und dem Auswerten von Luftbildaufnahmen deutlich mehr, als darauf zu hoffen, irgendwann Koordinaten genannt zu bekommen oder durch Zufall welche zu finden. Dies gleicht in etwa der Hoffnung, dass sich eine Firma mit einem perfekten Jobangebot bei einem Meldet, ohne dass man sich dort jemals bewarb.

Google Earth ist das prädestinierte Tool, um Orte zu erkunden, ohne dort sein zu müssen. Die Satellitenbilder geben zuverlässig Aufschluss über Bebauungen und lassen interessante Anomalien in Wäldern und auf unübersichtlichen Arealen erkennen. Besonders verlassene Munitionslager und Militärdepots lassen sich recht einfach in Wäldern ausfindig machen. Das pure Wissen über die Existenz eines solchen Ortes bringt einen bedeutend weiter. Diese jedoch zu betreten und erkunden obliegt der individuellen Verantwortung eines jeden Einzelnen. Denn nur man selbst ist für sich und sein Handeln verantwortlich (*1). Jedoch ist man um eine Information reicher, an die man durch eigene Recherche gelangt ist, ohne irgendwen durch eine Frage nach einer Location gegen sich aufzustacheln.

Fundamentalismus in Reinform

Manch geneigter Urbexer brüstet sich nämlich sehr gern damit, wie man einem neugierigen Neuling mal wieder die Leviten des Urbexkodex gelesen hat.

kann mir mal einer erklären warum normale Freizeitfotografen es nicht akzeptieren können das es einen sogenannten Urbexerkodex gibt …lege mich gerade mal wieder mit paar leutz an

Hier zeigt sich wieder deutlich wie versessen sich manch einer auf den so genannten Kodex beruft. Das oberste Gebot: Niemals Namen nennen und Ortsangaben herausgeben! Jegliches Nachfragen wird im besten Falle mit Ignoranz gekontert, führt aber oftmals zu hitzigen Diskussionen mit aufgebrachten Fundamentalisten, die ihren Ehrenkodex wie ihr eigen Fleisch und Blut  verteidigen.. Schon erstaunlich, welche sozialen Konstrukte manch eine Szenezugehörigkeit herbeiführt. Da soll noch einer sagen, die Blackmetalszene sei abgehoben und elitär.. Willkommen bei den Urbexern!

Was sind für dich normale Freizeitfotografen? Ich betrachte Urbexen als Genre der Fotografie in Verbindung mit einem Faible für Archäologie. Wer diese Interessen ernsthaft betreibt, wird sicherlich entsprechenden Respekt und Fernsicht an den Tag legen. Jedoch fängt jeder klein an. Besonders zu Anfang ist es extremst schwer, Anschluss zu finden.. dieses elitäre Gehabe, das manche einem Neuling gegenüber zur Schau stellen, schreckt viele ab. Hier geht es um ein Hobby – um Freizeitgestaltung – nicht um eine Freikarte zur Bilderberg-Konferenz!

Darauf folgend:

ehm ich versuche es zu erklären: normale Freizeitfotografen sind, die überall reinstürzen und es überall weiter tratschen und sich keine Gedanken darüber machen das durch das öffentliche Preisgeben der Anschrift und Co auch andere Menschen angezogen werden in die Lokations zu gehen. Das sind auch die Leute die Geheimniskrämer betiteln weil man es nicht preis gibt, da man die Person nicht kennt, die einen fragt …

hier zeigt sich eine panische Angst, die offiziell der Zerstörung gilt, aber mit starker Missgunst einhergeht. Die Formulierung des Fallbeispiels ist sicherlich nicht die beste, doch trifft die Aussage den Tenor, den viele Szeneangehörige vermitteln:  Die Argumentation ähnelt hierbei dem infantilen Gehabe von Grundschülern, die ihre Klassenkameraden nicht mit ihrem neuen Spielzeug spielen lassen wollen.

Die Argumentation mit der Angst vor Zerstörungen, durch die Weitergabe von Ortsangaben lediglich an den Haaren herbeigezogene Argumente, um die eigene Missgunst zu argumentieren. Denn:

Letztendlich ist es zudem fraglich, wer nun für den Großteil der Zerstörungen in ach so geheimen Lostplaces verantwortlich ist.. es gibt auch ein Leben außerhalb von Facebook und co. Ich möchte wetten, dass diejenigen, die Locations ausschlachten, besprühen, anzünden, sicherlich nichtmal ansatzweise eine Ahnung davon haben, dass es Menschen gibt, die sich für solche Dinge interessieren und darüber auf Facebook sinnieren.. Wer im Netz nach Locations fragt, weil er/sie sich mit dem Thema Urbexen auseinandersetzen möchte, wird sicher meist auch wissen, wie man diesem Thema gegenübersteht und sicherlich auch Regeln einhalten. Oder gibt es tatsächlich Menschen, die glauben, dass jemand, der in Urbexgruppen nach Koordinaten fragt, dies nur macht, um Kupferleitungen zu klauen? Oder um sich dort einen Schuss zu setzen und schließlich die Hütte abzufackeln? Leute, die mit solchen Intentionen in „Locations“ gehen, machen dies auch ohne „verplapperte Koordinaten“. Osteuropäische Kabeldiebe, pubertierende Teenager, Junkies, Obdachlose sind sicherlich findig genug, wahrscheinlich sogar noch viel ausgebuffter, als mancher Urbexer, was das erkunden von Locations angeht..

Das manche Orte als Trophäen gehandelt werden, zeigt der Kleinkrieg, der mittlerweile unter verfeindeten Urbexgruppen herrscht. Verfeindete Urbexgruppen, ganz im Stile von Kleinkindern, die andere Kleinkinder nicht mit ihrem neuen Plüschtier spielen lassen wollen: „Ich hatte es aber zuerst und Du bist doof!„. Man sollte annehmen, dass dies ein Hobby, eine Freizeitbeschäftigung sei, doch sehen es manche Menschen so verbissen, dass sie Locations für sich beanspruchen und diese entsprechend kenntlich machen, sprich Vandalismus betreiben!

Die Missgunst innerhalb dieser Szene gleicht leider einer Seuche und verbales Gestachel in Richtung der „anderen“ ist Usus.

Der Mensch denkt immer nur soweit wie sein eigener Horizont reicht. Andere Fotogerätebediener wollen natürlich wissen wo ein Objekt ist um das Bild “abzugreifen“ besser machen oder einfach “Jaaaaa klar,war auch da“ Bilder zu machen.An dem Objekt sind die in Wahrheit nur sekundär interessiert.Wenn die Schweinebacken das Objekt schützen wollten, würden sie die Bilder für Dich machen und nicht hochladen und nach FAME schnäbeln.

Take nothing but pictures, leave nothing but footprints.

Beanspruchte Territorien und Verfeindungen erinnern stark an das Verhalten gewaltbereiter Fußballfans, Gangs und Banden aus Slums und Favelas der dritten Welt und dem martialisch anmutendem Verhalten sonstiger minderintelligenter Krimineller.

Ist es tatsächlich so naiv zu glauben, dass jemand, der die Fotografie mit Enthusiasmus betreibt und das Thema Urban Exploring mit einem Faible für Archäologie sieht, dies einzig mit der Intention macht, den Verfall zu dokumentieren und dabei nicht im Geringsten an Zerstörungswut denkt?

Dazu gab es unlängst einen schönen Satz in einer entsprechenden Urbexgruppe auf Facebook:

Nicht das Preisgeben der Locations macht diese Kaputt, sondern der Mensch, der mit sich selbst nicht im Reinen ist und dies durch blinde Zerstörungswut kompensieren muss!

In dem Sinne:

Take nothing but pictures, leave nothing but footprints.

*1) Steht ein Besuch einer Location an, gilt: Niemals allein! Orte, die seit Jahren leerstehen, bergen oftmals Gefahren, die auf dem ersten Blick nicht ersichtlich sind: Morsche Böden, Nägel, Gruben, Metallteile, herabstürzende Brocken aber auch Stromleitungen und andere Versorgungsleitungen, die noch aktiv sein könnten. Zudem geht jedes Betreten meist mit dem Hausfriedensbruch einher, dessen man sich – sollte man durch Wachschutz oder Polizei erwischt werden – bewusst sein sollte.

*2) Auch wenn dieser Beitrag überspitzt formuliert ist und sicher den Zorn manch eines eingeschworenen Urbexers herbeibeschwört, letztendlich geht es nur um eine Freizeitbeschäftigung, die uns alle verbindet. Freizeitbeschäftigungen sollen Spaß machen und Freude bringen, indem sie ein Gegengewicht zum stressigen Berufsalltag darstellen.

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